Aus meinem Arbeitsleben

Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ein hoffnungsvoller Studiosus der sozialpädagogischen Künste war, begab es sich einmal (zum wiederholten male), daß in meiner Börse Ebbe herrschte und in der Studentenküche wieder einmal Schmalhans Küchenmeister war. Da war es doch ein Glück, daß am schwarzen Brette ein Jobangebot aushing des Inhalts, daß eine verkäuferische Aushilfskraft per sofort gesucht werde. Ich also hurtig zur nächsten Telefonzelle gehüpft, voller Hoffnung, daß sich noch niemand den Job unter den gierigen Studentennagel gerissen habe und ich künftig wieder Lebensmittel und allerlei andere Waren täglichen Bedarfs erstehen konnte. Und wie es das Schicksal so wollte, war der Job tatsächlich nicht vergeben, was nicht etwa daran lag, daß sich noch niemand gemeldet hätte. Offenbar war es aber so, daß die überwiegende Anzahl der arbeitswilligen Studenten, einigermaßen irritiert oder erschreckt wieder auflegten sobald sich am anderen Ende der Leitung eine bärbeißige Stimme mit „Willi’s Erotikstübchen“ (nur echt mit dem falschen Apostroph) meldete. Und so kam es denn, daß ich das kommende dreiviertel Jahr meinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Erotika aller Art verdiente. Und das gar nicht mal schlecht. Denn obschon der Standort mein altehrwürdigen Alma Mater sich im beständigen ökonomischen Niedergang befand, machten sowohl Willi’s Erotikstübchen als auch die nahegelegene Trinkhalle prächtige Geschäfte. Willi sagte dazu „Saufen und Ficken geht immer“. Das sah der Trinkhalleninhaber, den mit Willi nicht nur eine innige Freundschaft, sondern auch die praktisch identische Kundschaft verband, Übrigens Ähnlich.

Willi jedenfalls drückte sage und schreibe 15DM pro Stunde ab, was für mich, der ich doch auch schon für 7,50DM auf dem Bau geknüppelt hatte wie ein Irrer, ein geradezu sensationeller Lohn war. Und das für eine Arbeit, die leichter kaum sein konnte. Stillere, bescheidenere, ja nachgerade schüchternere Kundschaft kann man sich als Verkäufer kaum wünschen. Alles in allem also ein toller Job, dem ich nur ungern das auch in diesem Fall unvermeidliche „Aber“ anhänge.

Aber. Es ist nun nämlich so, daß ich, wie aus meinen bisherigen Aufzeichnungen bereits deutlich geworden sein dürfte, ein Mensch von besonderer Sensibilität, ja von ausgeprägter charakterlicher Zartheit bin. Ein mittelalterlicher Minnesänger wäre ein grober Klotz gegen mich und selbst die Großmeister der Romantik wären, verglichen mit mir, nur plumpe, ungestalte Seelen.

Man nenne mich Poet, Schöngeist, Ästhet! Doch linkisch muß jedes Wort wirken, gegen die wahrhaft erhabene Größe meines Geistes.

Wo war stehengeblieben? Ah ja, Sensibel. So sensibel sogar, daß mir niemals Worte wie „Bumsen“, „Vögeln“ oder gar „Ficken“ aus der Feder geschweige denn aus dem Munde flößen und sei es nur zum Zwecke des Beispiels. Das ist für einen Verkäufer von Hardcoreerotika eher hinderlich, wenn er denn Werke wie z.B. „Durchgefickt und Vollgespritzt“ unter die Leute bringen soll. Wenig hilfreich ist es auch, wenn dem Verkäufer holde Schamesröte ins Gesicht schießt, so ihm denn Produktionen wie “Gangbang in der Gynäkologie” oder “Vollgespritzt im Folterkeller” vorgelegt werden.

Zur Glänze offenbart er aber seine Unfähigkeit, so er denn nicht an sich halten kann, die Ladentheke vollzukotzen, weil man ihn Werke aus dem koprophilen Bereich zu verkaufen gebeten hat.

Ist mir aber passiert. Vor allem deshalb, weil auf dem Umschlag des Videos Abbildungen waren, die Deutlichkeit nichts zu wünschen Übrig ließen. …öörgghs.

Ein zweiter Haken an der Arbeit als Pornodealer wurde einige Monate nach meiner Anstellung deutlich, als sich nämlich meine liebe Ex-Frau darüber beschwerte, daß unser Sexleben zunehmend langweiliger würde. Ich hatte nämlich das dringende Bedürfnis entwickelt, meinen ehelichen Pflichten nur noch im Dunkeln und in der Missionarsstellung nachzugehen, was nicht am Aussehen meiner Frau, sondern an einer Art Reizüberlastung meinerseits lag, die mir nur noch Langeweile als reizvoll erschienen ließ. Noch lieber hätte ich allerdings auf jegliche sexuelle Betätigung verzichtet und statt dessen lieber gekuschelt. Das war der Frau dann zuviel des Guten und so erhielt ich Befehl, umgehend zu kündigen. Ich kann nicht sagen, daß ich darum traurig war. Blöd nur das ich dann wieder auf dem Bau knüppeln mußte.

Für Poeten irgendwie auch nicht das Richtige.

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Eine Antwort zu „Aus meinem Arbeitsleben“

  1. Hejo Leistet Widerstand « Dulsberg-Nord sagt:

    [...] genauso fremd wie die Turnübungen in Pornos, und wo wir grad bei Pornos sind, seit meiner Zeit in Willi’s Erotikstübchen finde ich Pornos auch nur noch bedingt anregend. Gummi, Lack und Leder zaubern grade mal ein [...]

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