Zu Weihnachten sind die Kirchen voll. Weil es halt so schön gemütlich ist, und eine willkommene Unterbrechung des maßlosen Saufens, Fressens und Geschenkekriegens ist. Und überhaupt.
Jedenfalls sind die Kirchen voll, die Kirchenbesucher ebenso und die Herren Rockträger von Gottes Gnaden geraten in einen Rederausch wie sonst nie im Jahr. Man darf das getrost darauf zurückführen, daß die Jungs mit den lustigen Mützen irrigerweise davon ausgehen, daß sie etwas Relevantes zu sagen hätten, nur weil viele Zuhörer anwesend sind. Dabei könnnte man den anwesenden Schäfchen anstelle des Weihnachtsmärchens genausogut Omas Plätzchenrezepte vorlesen, solange der Tonfall nur recht pastoral klingt. (Es begab sich aber zu der Zeit, da Oma Mehl, Butter und Ei vermengte…)
Herr Meisner aus Köln beispielsweise meint der versammelten Zuhörerschaft mitteilen zu müssen, daß die Präimplantationsdiagnostik so förchtbar und gar schröcklich sei, daß dagegen sogar der berühmte Kindermord zu Betlehem wie ein weihnachtliches Plätzchenbacken wirke. „Es kann nicht göttlich sein, zu töten. Es kann nicht göttlich sein, zu selektieren. Es kann nicht göttlich sein, Angst triumphieren zu lassen“ Sagt Herr Meisner jedenfalls. Das darf man ihm nicht übelnehmen. Der Mann ist Priester. Selbst wenn man mal annimmt, daß ihm Abtreibung, PID und Ministrantenschändungen am Arsch vorbeigingen, kann er sich, schon aus beruflichen Gründen, kaum hinstellen und das auch so sagen.
Eher dürfte man noch erwarten, das die tabakverarbeitende Industrie sich hinstellt und sagt: „Klar macht Rauchen höllisch abhängig. Klar macht Rauchen krank! Und klar macht Rauchen tot. Und selbstverständlich sind wir nur deshalb besser, als ein Crackdealer auf dem Bahnhofsklo, weil wir legale Drogen verticken. Aber was soll´s, man kann eine Schweinekohle damit machen!“
Nein, mit derart erfrischenden Ehrlichkeiten darf man bei Priestern und Drogendealern nicht rechnen. Deswegen wundert es mich auch jedesmal, warum sich überhaupt noch irgendwer darüber aufregt.
Allerdings finde ich es schon bemerkenswert, wenn die Argumentation wie in Herrn Meisners Fall derartig dünn, ja fadenscheinig, ist, daß man glatt die priesterlichen Doppelrippschlüpper durchs Messgewand erkennen kann.
Mal ganz davon abgesehen, daß der Kindermord zu Betlehem nur ein frommes Märchen ist, ist die Argumentation mit Gottes Willen eher problematisch. Denn wenn es Gottes Willen entspricht, daß Kinder mit schweren und schwersten Behinderungen zur Welt kommen, oder Schwangerschaften in Totgeburten enden, inkl. all der Leiden die dies so mit sich bringt, dann muß ich eben auch annehmen, daß meine Kopfschmerzen Gottes Willen entsprechen, die ich daher schicksalsmäßig hinzunehmen habe, statt sie mit Asperin zu bekämpfen. Dann ist eben auch Gottes Wille, daß jemand der im Koma liegt stirbt, ohne das er noch jahrelang am „Leben“ gehalten wird. Wenn es „nicht göttlich ist, zu selektieren“, dann darf man auch seine Kinder nicht zum Zahnarzt schicken, auf das er die von Cola und McDonalds-Fraß verfaulten Zähne rette. Wenn Selektieren böse böse ist, dann bitte aber auch konsequent sein. Dann stelle man Impfungen ein und Vorsorgeuntersuchungen. Dann lasse man der Natur (respektive Gottes Willen) ihren Lauf. Dann muß jedes Kind geboren werden, mit der fünfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit keine 14 Jahre alt zu werden. Wie im Mittelalter eben. Da wo Herr Meisner auch sein Weltbild her hat.
Derselbe Meisner warnt übrigens gerne auch mal vor der „gottlosen Gesellschaft„, die ohne Gottes Geist “wieder in den vorweihnachtlichen Unheilszustand“ zu fallen drohe. Auch das überrascht nur wenig. Denn auch wenn er klammheimlich froh ist, in einer säkularen Demokratie zu leben, in der nicht damit rechnen muß, daß ihm durchgeknallte Anhänger anderer Religionen daß Kirchendach anzünden, muß er so was sagen, das steht so in seinem Arbeitsvertrag.
Nehmen wir es ihm also nicht übel.
Fragen dürfen wir uns allerdings schon stellen. Zum Beispiel die Frage: Was im Namen der Götter wohl so schlimm an einer gottlosen Gesellschaft wäre, bzw., wie es denn noch schlimmer werden könnte. Alles Schlimme ist schon passiert und passiert weiter. Völkermord, ethnische Säuberungen, Vertreibungen, Unterrückung kultureller Traditionen, Mord, Hunger, Vergewaltigung, Zerstörung der Natur, rücksichtlose Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Himmel was kann denn noch schlimmer werden? Und das in einer Welt in der sich 6 von 6,9 Milliarden Menschen einer Religion von Christentum bis Zoroastrismus zugehörig fühlen
Ich will gar nicht behaupten, daß die Relgionen irgendwie schuld daran wären, aber es ist doch ziemlich offensichtlich, daß Religion keine besseren Menschen macht. Und Religionslosigkeit keine schlechteren.
Aber das macht nichts. Und ändern tut es auch nichts. Und deshalb werden wir auch im nächsten Jahr wieder den selben Kram zu hören bekommen, und am Ende wird keiner was gelernt haben. Gelobt sei <Hier Gottheit/metaphysischesKonzept ihrer Wahl einfügen> in der Höh.
Mahlzeit.

