Thema 4: Der schönste Satz.
Oh endlich mal ein leichtes Thema. Eigentlich hätte ich mir ja gern den Faust zur Brust genommen, aber da war das Fellmonster schneller als ich, und mit dem Dark Johann will ich mich auch nicht anlegen. (Der Name erinnert mich immer ein bißchen an die Star-Wars-Bösewichter. Und ich will ja nicht, das Sith-Lord Darth Joe hier in Dulsberg mit seinem Lichtschwert auftaucht.) Aber he, wenn Goethe nicht geht, geht immer noch Shakespeare. Und was wäre was schöne Sätze angeht, besser geeignet, als “Hamlet”? Ich muß es einmal zugeben, ich liebe Hamlet! Also das Stück. Nicht die Person.
Hamlet, wir erinnern uns, ist ein übergewichtiges melancholisches Muttersöhnchen, das gerade mächtig sauer ist, weil Papi tot, und Mutti mit dem Onkel verheiratet ist. Wie alle egozentrischen Narzissten nimmt er es persönlich, daß Mutti nicht mehr rund um die Uhr für ihn da ist, und hält sie darob für eine “blutschänderische” Schlampe, gibt sich infantilen Omnipotenzphantasien hin und redet am Ende mit dem Geist seines Vaters, der (selbstverständlich) Rache fordert. Hamlet, statt die Sache mannhaft hinzunehmen, oder sich zum Vorteil der restlichen Menschheit einfach eine Kugel in den Schädel zu jagen, gibt uns den ollen Jammerlappen, greint ein bißchen vor sich, von wegen “Sein oder Nichtsein”, treibt Ophelia (die einzige Frau die ihn zu lieben bereit ist) in den Selbstmord, tötet deren Bruder Laertes, dessen Vater Polonius, seinen eigenen Onkel und geht am Ende selbst drauf.
In jeder halbwegs zivilisierten Welt hätte man furzens eine Borderline-Störung diagnostiziert, das verweichlichte Balg in die Klapse verbannt, und alle hätten ihre Ruhe gehabt. Statt dessen sind am Ende alle tot, das Königshaus ist untergegangen, und Dänemark fällt an Norwegen. Tja. Drama eben.
Die schönsten Sätze in Hamlet werden aber auch gar nicht von Hamlet selbst, sondern von den Nebenfiguren geäußert. Da ist zunächst einmal Polonius, Vater von Laertes und Ophelia, der, als sein Sohn sich nach Paris zum Studium begeben will, selbigen noch kurz aufhält, um ihm ein paar Worte mitzugeben:
Noch hier, Laertes? Ei, ei! an Bord, an Bord,
Der Wind sitzt in dem Nacken eures Segels,
Und man verlangt euch. Hier, mein Segen mit dir -
(Indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt.)
Und diese Regeln präg’ in dein Gedächtnis:
Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,
Noch einem ungebührlichen die That.
Leutselig sei, doch keineswegs gemein.
Dem Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,
Mit ehrnen Haken klammr’ ihn an dein Herz.
Doch härte deine Hand nicht durch Begrüßung
Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich
In Händel zu geraten; bist du drin:
Führ’ sie, daß sich dein Feind vor dir mag hüten.
Dein Ohr leih jedem, wen’gen deine Stimme;
Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.
Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,
Doch nicht ins Grillenhafte; reich, nicht bunt:
Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,
Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich
Sind drin von edelster und feinster Wahl.
Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;
Sich und den Freund verliert das Darlehn oft,
Und borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.
Dies über alles: sei dir selber treu,
Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,
Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen.
Leb wohl! Mein Segen fördre dies an dir!
Ich liebe diese Stelle. In wenigen Zeilen ein paar gute Lebensregeln mitgegeben, das muß man erst mal nachmachen. Und dann ist auch die Situation so sympathisch. Der Sohn geht fort, wer weiß für wie lange, und weil wir Väter nun mal Väter sind, und nicht so ohne weiteres unsere Kinder umarmen und sagen können: “Also hör mal, bleib doch noch ein bißchen. So das eine oder andere Jahrzehnt”, oder sogar “Ich bin traurig, daß du fortgehst”, halten wir stattdessen eine Rede darüber, wie wichtig es ist, stets saubere Unterwäsche zu tragen, und schlucken mannhaft unseren Kummer runter, und hoffen, daß es keiner merkt. Und weil unsere Kinder uns eben doch ein bißchen kennen, merken Sie natürlich was grad abgeht, und danken uns für unsere klugen Ratschläge, und tun so, als hätten sie nichts gemerkt.
Aber auch an anderer Stelle werden schöne Sätze leicht dahingesagt. Claudius der neue König zum Beispiel versucht sich Hamlet anzunähern, ihm die Hand in Freundschaft hinzureichen. Denn Obwohl Hamlet sein härtester Thronkonkurrent ist, will er nicht auch den Sohn seines Bruders töten, weil er den Verlust der Liebe seiner Frau fürchtet, ohne die ihm Thron, Königreich und Macht nutzlos und schal erschienen. Und so spricht Claudius ernsthaft und ermahnend, aber auch liebevoll wie ein Vater zu Hamlet:
Es ist gar lieb und eurem Herzen rühmlich, Hamlet.
Dem Vater diese Trauerpflicht zu leisten.
Doch wißt, auch eurem Vater starb ein Vater;
Dem seiner, und der Nachgelass’ne soll,
Nach kindlicher Verpflichtung ein’ge Zeit
Die Leichentrauer halten. Doch zu beharren
In eigenwill’gen Klagen, ist das Thun
Gottlosen Starrsinns; ist unmännlich Leid;
Zeigt einen Willen, der dem Himmel trotzt,
Ein unverschanztes Herz und wild Gemüt;
Zeigt blöden ungelehrigen Verstand.
Wovon man weiß, es muß sein; was gewöhnlich
Wie das Gemeinste, das die Sinne rührt:
Weswegen das in mürr’schem Widerstande
Zu Herzen nehmen? Pfui! Es ist Vergehn
Am Himmel; ist Vergehn an dem Toten,
Vergehn an der Natur; vor der Vernunft
Höchst thöricht, deren allgemeine Predigt
Der Väter Tod ist, und die immer rief
Vom ersten Leichnam bis zum heut verstorbnen:
„Dies muß so sein.“ Wir bitten, werft zu Boden
Dies unfruchtbare Leid, und denkt von uns
Als einem Vater; denn wissen soll die Welt,
Daß Ihr an unserm Thron der nächste seid,
Und mit nicht minder Ueberschwang der Liebe,
Als seinem Sohn der liebste Vater widmet,
Bin ich euch zugethan. Was eure Rückkehr
Zur hohen Schul’ in Wittenberg betrifft,
So widerspricht sie höchlich unserm Wunsch,
Und wir ersuchen euch, beliebt zu bleiben,
Hier in dem milden Scheine unsers Augs,
Als unser erster Hofmann, Vetter, Sohn.
Das ist so schön gesagt, dem hab ich nichts hinzuzufügen.
Der Rest sei Schweigen.
Tags: 52 Bücher, Bücher, Hamlet, Shakespeare
25 November 2011 um 3:11 pm
Ja, Shakespeare konnte die Sache mit den schönen Sätzen auch gut… Schön, dass Du das Motto auch nicht ganz wortwörtlich nimmst und Dich nur auf einen Satz beschränkst. Bin ich nicht die einzige …
Epische Zusammenfassung vom “Hamlet” übrigens.
25 November 2011 um 6:33 pm
Schließe mich dem felligen Wesen vor mir an: Die beste Hamlet-Kurzfassung, die ich bisher gelesen habe. Und auch Deine Gedanken zu den Worten von Polonius passen prima zwischen die schönen Sätze von Herrn Shakespeare! Man fühlt sich davon nicht belästigt – was man nicht von vielen Sätzen sagen kann, die zwischen denen von Shakespeare stehen.
Geiler Artikel!
P.S.: Lichtschwerter benutzen wir schon lange nicht mehr.
25 November 2011 um 9:10 pm
Wow schöne Einführung in Shakespeare.
26 November 2011 um 1:44 pm
Sehr schön.
Ich fasse hier mal die “Lorelei” zusammen:
Uffm Berge sitzt ein Mädel,
blonde Mähne auf dem Schädel.
Unten fährt ein Kahn vorbei.
Schiffer Mund und Nase offen,
Kahn kippt um, Mann ersoffen.
Damit das hier nicht zu niveauvoll wird …
27 November 2011 um 10:26 pm
Was isst verhaltensorginell eigentlich zum sog. Christenfeste?
29 November 2011 um 9:22 pm
Ah, wie wunderbar! Vielleicht mag ich jetzt sogar doch mal Hamlet lesen…und das hast Du geschafft!
LG
Silke
30 November 2011 um 11:05 am
@alle: Freut mich, daß der Hamlet so gut ankommt.
@Frankie: Nicht zu niewovoll ja? OK. Ich habe mal Goethes Faust zussammengefasst:
Goethes Faust (Der Tragödie Erster Teil)
Im ersten Teil muß ich Euch sagen,
tut Herr Professor Faust verzagen.
Zwar hat er allerlei studiert,
doch hat er niemals recht kapiert,
was wohl diese doofe Welt;
“im Innersten zusammenhält.“
(Ihm ging es mit dem Wissensstreben,
wie Säufern mit der Flasche eben.
Hier gleicht das Lernen dem Säuferspuk
zwar hat man viel, doch nie genug. )
In einer dunklen Stunde dann,
da bietet sich ein Teufel an,
den Faust bei seinem Wissensstreben,
bis zu den Sternen anzuheben
(Was ich grad aus dem Hirn mir krame:
Mephisto war des Teufels Name,
der hat mit Gott dem Herrn ne Wette,
wer Anrecht wohl auf Fausten hätte)
Zum Preis der Seele als Entgelt,
verspricht Mephistoles die Welt.
Noch ein Besuch im Hexenhaus,
schon sieht der Faust viel jünger aus.
Beim Bummeln trifft er dann das Gretchen
die gilt als wirklich frommes Mädchen;
doch findet sie den Faust so nett,
sie springt mit ihm ins Sudelbett.
Die Folgen sind nun wirklich prächtig;
zuerstens wird das Gretchen trächtig,
drauf fängt ihr Bruder an zu schnauben;
im Kampf mit Faust muß er dran glauben.
Nach ungewollter Schwangerschaft
landet Gretchen dann in Haft.
Und (so war damals Mode)
man verurteilt sie zum Tode,
für den Tod vom Kindelein
sollt sie auf den Rabenstein.
Der geile Faust hat unterdessen
bei einer Orgie festgesessen.
Auf dem Brocken (zur Walpurgisnacht)
hat er mit Hexen rumgemacht.
Dort küßt er erst des Satans Arsch,
dann setzte er sich flugs in Marsch,
des Gretchens süßen Arsch zu schützen,
nur sollte ihr das wenig nützen.
Grete stirbt und spricht zum Herrn
und der vergibt ihr (sicher gern)
So stirbt sie, läßt zurück den Leib
und Faust hat wieder mal kein Weib.
Jedoch im zweiten Teil (dem Nächsten)
wird er sich mit andren trösten.
Ende
Wenn das der Dark Johann liest gibt´s bestimmt Ärger.
1 Dezember 2011 um 11:30 am
[...] möchte ich eine grandiose Zusammenfassung von Faust I würdigen, die Roland verbrochen sich zusammengereimt hat. Nach seinem Hamlet-Summarium bereits das [...]
2 Dezember 2011 um 11:07 am
Roland, diese Zusammenfassung im Versmaß des vierhebigen Jambus ist ja länger als das Original!