Thema 13: Monster!
Monster, das ist ein etwas zwiespältiges Thema. Da habe ich durchaus unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
Als Knabe mit lockigen Haar war ich, obwohl Kind der DDR, stolzer Besitzer einer Ausgabe von “Wo die wilden Kerle wohnen” von Maurice Sendak. Ich muß zu diesem Buch nicht viel erzählen, außer vielleicht, daß ich die Geschichte für eine nahezu perfekte Kindergeschichte halte, die kein ernsthafter Pädagoge seinen Zöglingen vorenthalten sollte. Ich hab mal Pädagogik studiert, ich weiß wovon ich rede.
Mit 12 oder so bekam ich eine Geschichtensammlung von Edgar Allen Poe in die -mittlerweile recht büchergierig gewordenen- Griffel, und eine der Geschichten die mir am besten im Gedächtnis haften blieb, war die Geschichte vom Hopp-Frosch. Wahrscheinlich deshalb, weil in dieser Geschichte zwei Erscheinungsformen des Monströsen zugleich auftreten. Da ist zum einen der offensichtlich entstellte, verkrüppelte Zwerg, der sich Hofnarr sein Brot verdienen muß, und auf der anderen Seite der versoffene und verfressene König samt Hofstaat, deren dürftiger Sinn für Humor nur noch von ihrer Grausamkeit übertroffen wird. Ich kann mich noch ziemlich gut an meine grimmige Befriedigung erinnern, als der König samt Minister einen grausamen Tod sterben mußten, indem der Hopp-Fosch sie lebendigen Leibes verbrannte.
(Zum Thema Narr sei mir ein kurzer Exkurs gestattet. Das nämlich der Narr ein Zwerg und Krüppel sein muß, ist beileibe kein Zufall. Der Narr soll nämlich keine komische sondern eine tragische Figur sein, und unser Lachen über ihn, gleicht mehr dem Pfeifen im dunkeln Wald, als das es Ausdruck von Humor wäre. In dem Roman “Stirb, du Narr” von Karl Zuchardt, in welchem es eigentlich um die Auseinandersetzung zwischen Thomas More (Utopia) und Heinrich dem VIII geht, gibt es eine hübsche kleine Szene, in der beschrieben wird, wie ein bettelarmes Ehepaar ihren Sohn im wahrsten Sinne Wortes “zum Narren machte”. Dazu band man dem Kleinstkind ein Brettchen auf die Nase um selbige plattzudrücken, dreht die Beine nach außen, um einen o-beinigen humpelnden Gang zu erzeugen, etc. pp. Nach der Lektüre darf man sich zu Recht die Frage stellen, wer hier das Monster ist.)
Zurück zum Thema Monster.
Meiner bildungsbeflissenen Mutter sei Dank, wurde ich so mit 16/17 Eigentümer einer Werksausgabe von Robert Merle. Darunter war auch die Geschichte eines Mannes, den Augustinus von Hippo -den ich nach dem zweifelhaften Genuß seiner “Bekenntnisse” zwar auf ewig für einen Heuchler und Muttersöhnchen, nie aber für einen Dummkopf halten werde- gemeint haben muß, als er sagte: monstra sunt in genere humano – Monster sind Teil des Menschengeschlechts. Die Rede ist natürlich von “Der Tod ist mein Beruf“, einer Geschichte über den Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. Ein Mann also, der keineswegs wie ein Monster daherkommt, weder in Charakter noch im Aussehen. Es ist genauso seltsam wie erschreckend, daß ein scheinbar völlig normaler Mann, der seine Frau, seine Kinder und die Natur liebt, und der unter anderen Umständen vielleicht eine kleine Karriere auf der mittleren Beamtenlaufbahn gemacht hätte, zum Massenmörder an 1,5 Millionen Menschen wird, nicht weil er ein Sadist wäre, oder weil Juden gehaßt hätte, ja noch nicht einmal, weil er es wirklich für notwendig gehalten hätte, sondern weil es ihm “befohlen” wurde, und er noch nicht einmal im Traum auf den Gedanken kam, daß man Befehle auch verweigern kann, ja muß, wenn man nicht vom Menschen zum Monster werden will. Das Wort “Kadavergehorsam” kannte ich damals noch nicht, aber was damit gemeint ist, habe ich aus diesem Buch gelernt.
Ein letztes Buch sei noch vorgestellt. Ich habe es erst letztes Jahr von meiner Schwester bekommen, und obwohl sie mit ihren Büchergeschenken oft meilenweit daneben liegt, hat sie hier mal einen Volltreffer gelandet. Der Roman “Die Fratze” stammt von einem meiner Lieblingsautoren Chuck Palahniuk. Wer “Fight Club” verstörend fand, sollte “Die Fratze” besser nicht lesen. (Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.) Kurz gesagt dreht sich die Handlung um eine junge wunderschöne Frau, die durch einen absurden Unfall derart entstellt wird, daß es ihr abstoßender Anblick dem Rest der Welt nahezu unmöglich macht, sie auch nur kurz anzusehen. (Daher auch der englische Titel: “Invisible Monsters”) Sie wird praktisch unsichtbar und findet darin eine Freiheit, die sie in ihrem früheren Leben als Model nie gekannt hat. Ich will die Art der Entstellung jetzt nicht näher beschreiben, weil das zuviel verraten würde, aber es ist ein schönes Beispiel für Palahniuks zynischen und boshaften Humor, wegen dem ich ihn so sehr schätze.
Vier Bücher, vier Aussagen über Monster.
Von den Wilden Kerlen lernen wir, daß Monster existieren und wir keine Angst vor ihnen haben müssen. Monster sind irgendwie auch nur Menschen.
Poe belehrt uns darüber, daß Monster existieren, und daß sie in der Tat furchterregend sein können. Aber man kann sie bekämpfen und besiegen. Das Monster ist sterblich.
Bei Merle erfahren wir, daß wir selbst es sind, die Monstren schaffen. Nicht selten machen wir Monstren aus uns selbst.
Und dann erleben wir bei Palahniuk die Maske des Monströsen, als Befreiung von Konvention und Lüge.
Sicher gibt es noch mehr Seiten des Monströsen -zum Beispiel das Monster als tragische Figur, wie in Frankenstein oder Beowulf- aber für heute wollen wir es gut sein lassen.
Gehet hin und lest doch was Ihr wollt.
Mahlzeit.
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27 Januar 2012 um 7:19 pm
Monströs guter Artikel. Was Du so alles “raushaust” ist schon beeindruckend.
28 Januar 2012 um 10:25 am
Ich bin ja auch jedesmal überrascht, was mir alles einfällt.
28 Januar 2012 um 4:37 pm
Palahniuk kommt auf die WuLi – Dein Beitrag war sehr erhellend! Und mit Deiner Schwester würde ich gerne mal einen Kaffee trinken