Als ich noch ein Knabe war, besuchte ich wie die meisten Kinder meiner Altersgruppe den Kindergarten. Da nun meine Eltern in Schichten arbeiteten, gelang es ihnen nur selten, mich höchstpersönlich dort abzuliefern und so übertrugen sie diese Aufgabe meinen vier Jahre älteren Bruder, der aus naheliegenden Gründen nicht sehr begeistert davon war, seinem kleinem Bruder den Arsch nachzutragen. Wenn mein Bruder nun, was nicht selten geschah, Besseres zu tun hatte, wies er mir einfach nur den Weg und ließ mich alleine gen Kindergarte laufen. Immerhin war ich schon fünf Jahre groß, was sollte also schiefgehen. Keinesfalls sollte man nun annehmen, daß mein Bruder ein verantwortungsloser fauler Sack gewesen sei, denn immerhin nahm er seinen Pflichten so ernst, daß er mich jedesmal ernst ermahnte, daß ich auf keinen Fall „fremden Männern mit Bonbons“ zu folgen habe, die mich evtl. ansprächen.
Ich habe Jahre meiner Kindheit mit seltsamen bonbonverteilenden Männern gerechnet, aber es ist nie jemand gekommen. Irgendwas hatte ich wohl missverstanden oder falsch gemacht.
22 Jahre später war meine liebe Tochter in das Alter (4) gekommen, das den regelmäßigen Besuch eines Kinderspielplatzes zwingend notwendig machte, und weil meine liebe Ex-Frau die hauptberuflichen Mütter die sich dort herumtrieben nicht ausstehen konnte, blieb diese Pflicht zumeist an mir hängen. Zum Glück war der töchterliche Unabhängigkeitstrieb derart stark entwickelt, daß sie darauf bestand, sich ihre Freunde im Sandkasten selbst zu suchen, und meine Pflicht nur daran bestand, von der fernen Bank ein Auge auf sie zu haben und mich gefälligst nicht einzumischen. Wer bin ich schon meiner Tochter zu widersprechen? Ich saß also auf meiner Bank, las ein wenig und von Zeit zu Zeit luckte ich über den Rand meiner Lektüre, um ganz sicher zu gehen, daß kein Unheil drohte. Papa durfte lesen und Tochter auf Bäume klettern ohne von ihrer (eher höhenängstlichen) Mutter genervt zu werden. Mit anderen Worten: Vater und Tochter hatten ihren Spaß.
Eines Tages nun legte sich ein Schatten auf meine Lektüre und als ich aufsah, stand eine der oben erwähnten Mütter vor mir und forderte mich ultimativ auf, „umgehend den Spielplatz zu verlassen“, da ich anderenfalls mit der Polizei und Schlimmeren zu rechnen hätte. Ich muß ein paar Sekunden reichlich blöde ausgesehen haben, denn ich verstand nicht recht, was man mir eigentlich zum Vorwurf machte, als mir plötzlich ein Licht aufging. Da hatte ich Jahre auf den Mann mit den Bonbons gewartet, und nun stellte sich heraus, daß ich dieser Mann war. Oder daß man mich zumindest dafür hielt. Und obwohl ich so zornig wie selten im Leben war, gelang es mir einigermaßen ruhig darum zu bitten, wenigstens noch meine Tochter mitnehmen zu dürfen. Das war der Mutter nun reichlich peinlich und sie begann sich wortreich zun entschuldigen, was mich allerdings noch wütender machte, weshalb ich mich schleunigst samt schlecht gelaunter Tochter aus dem Staub machte. Anderenfalls hätte ich die Dame wohl sonst niederschlagen müssen. Und ich schlag eigentlich keine Mädchen.
Es ist doch seltsam, wenn Kinder mißbraucht werden, dann sind die Täter in 70-90% aller Fälle bekannte Personen. Väter,Opas, Sportlehrer, Priester, Erzieher, Mütter, Tanten und Onkel. Also genau jene Personen, denen wir unsere Kinder ohne zu Zögern überlassen. Aber Angst hat und macht man den Kindern vor Fremden. Das passt besser ins Klischee. Und zum Zeitgeist. Ganz ehrlich? Das macht mir Angst.
Einmal als ich meine Lütte in den Kindergarten brachte (sie hatte eben keinen großen Bruder), stürmte sie strahlend in den Gruppenraum und teilte den seeeehr interessierten Kindern und Erzieherinnen lauthals krähend mit, ihr Papa hätte „einen R-I-E-S-E-N-Puller“. Gut, das fand ich noch lustig. (Und die liebe Ex-Frau erst.) Aber wenn ich an all die Handbücher à la „Sexuellen Mißbrauch erkennen – Leicht gemacht“ oder „Sexmonster überführen für Dummys“ denke, wird mir ganz schlecht. Was wenn man auf jemand stößt, der es nicht so lustig findet, das Töchter so genau über den väterlichen Pimmel Bescheid wissen?
Nimmt es da wunder, wenn mancher Vater seine Kinder lieber nicht mit in die Badewanne nimmt? Lieber nicht zu intensiv mit ihnen kuschelt und schmust? Und überrascht es, wenn erwachsene Männer lieber nicht allein sind mit Kindern anderer Leute, nur damit kein falscher Verdacht aufkommt? Herrgottverfluchtnochmalundzugenäht, die Häfte der Menscheit ist nun mal männlich. Es kann doch nicht richtig sein, Kindern vor der Hälfte der Weltbevölkerung Angst zu machen. Es kann doch nicht wünschenswert sein, jeden zweiten Menschen unter Generalverdacht zu stellen!
Mir ist schlecht.
http://www.focus.de/reisen/fliegen/air-france-trennung-von-kindern-und-single-maennern_aid_426851.html